Ein Nachhaltigkeitsbericht kann einem Unternehmen und seinen Mitarbeitern aufzeigen, wo sie aktuell stehen und sie motivieren weiterzumachen.

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Fiege: So kann man das Mammutprojekt Nachhaltigkeitsbericht bewältigen

30.11.2023

Der Logistikdienstleister veröffentlichte kürzlich seinen ersten Nachhaltigkeitsbericht. Wie dafür Daten erhoben, zusammengeführt und gewichtet wurden, erklärt Sandra Achternbusch, Leiterin der Abteilung für Nachhaltigkeit bei Fiege, der DVZ.

Die EU-Kommission hat in diesem Jahr einen weiteren Rechtsakt zu European Sustainability Reporting Standards (ESRS) veröffentlicht. Demnach müssen ab Januar 2025 alle großen Unternehmen einen Report über das zurückliegende Jahr verfassen. Als groß gelten Unternehmen, die zwei der drei folgenden Größenkriterien erfüllen:

• Bilanzsumme von mindestens 20 Millionen Euro
• Nettoumsatzerlöse von mindestens 40 Millionen Euro
• mindestens 250 Beschäftigte.

Für den Logistikdienstleister Fiege ist das Reporting bisher noch freiwillig – die Berichtspflicht greift dort erst ab dem Geschäftsjahr 2025. Nichtsdestotrotz veröffentlichte das Unternehmen kürzlich einen Nachhaltigkeitsbericht für das Geschäftsjahr 2022. Das Unternehmen orientiert sich schon jetzt an der Global Reporting Initiative (GRI), die als international führender Leitfaden für die Nachhaltigkeitsberichterstattung gilt. Veröffentlicht wurden in dem Bericht Scope-1- und Scope-2-Emissionen, die Daten für die Scope-3-Emissionen werden aktuell erhoben. Sandra Achternbusch, Executive Director Corporate Sustainability bei Fiege, erklärte der DVZ im Gespräch, wie das Unternehmen bei dem Mammutprojekt Nachhaltigkeitsbericht vorgegangen ist.

Wissen, wo man steht

Abgesehen von Achternbuschs zentraler Abteilung hat das Unternehmen ein Netzwerk von Mitarbeitern innerhalb der Fiege-Gruppe, die das Thema Nachhaltigkeit treiben: „Bei Fiege gibt es elf Business Units mit jeweils mindestens einem Nachhaltigkeitsbeauftragten. Bei uns im Corporate Sustainability Office wird alles zusammengeführt. Wir haben die Vogelperspektive, koordinieren und behalten aktuelle Gesetzgebungen und Trends im Blick. Es gibt einen monatlichen Austausch mit allen Business Units.“

People, Planet, Partners

Das Projekt „Nachhaltigkeitsbericht“ startete mit einer Wesentlichkeitsanalyse, bei der aus internen sowie externen Quellen die wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen für Fiege ermittelt wurden. Das Unternehmen ging dafür mit Vorständen, Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, NGOs, Wissenschaftlern sowie Wettbewerbern in einen qualitativen und ergebnisoffenen Austausch. Die Resultate sind im Report in einer Materialitätsmatrix dargestellt. Aus der Wesentlichkeitsanalyse gingen schlussendlich drei Handlungsfelder mit insgesamt sieben Fokusthemen hervor.

Die drei Handlungsfelder und sieben Fokusthemen sind die Säulen des Berichts. Dabei steht das Soziale mit „People“ an erster Stelle – obgleich laut Sandra Achternbusch alle drei Säulen gleichermaßen bedeutend sind. Im Handlungsfeld „People“ hebt die Fiege-Nachhaltigkeitsexpertin zum Beispiel den Fiege-Führungskompass hervor, der mittels Feedback-Schleifen und Ratings Mitarbeitern erlaubt, ihre Vorgesetzten zu bewerten. „Eine gute Unternehmens- und vor allem auch Führungskultur spielen bei uns eine ganz zentrale Rolle“, sagt Achternbusch. „Jede und jeder bei Fiege hat das Recht auf gute Führung – das ist das Leitmotiv. Denn für Fiege ist nicht unbedingt entscheidend, was wir tun, sondern vor allem, wie wir sind, wenn wir uns als Arbeitgeber abheben möchten.“ Beim Blick auf die Weiterentwicklung der Mitarbeiter nennt Achternbusch beispielsweise die unternehmenseigene Fiege-Academy, die Fortbildungen, Coaching und Mentoring anbietet sowie junge Talente fördert.

Beim Handlungsfeld „Planet“ steht das CO2-Reporting an erster Stelle. Zu ermitteln, an welchen Stellen wie viel CO2 ausgestoßen wird, ist nicht nur für kommende Berichtspflichten wichtig. Es hilft laut Achternbusch auch dabei zu erarbeiten, inwiefern man Emissionen mindern kann. Es seien bereits erste Schritte durch Eigenstromanlagen, E-Lkw, die Umrüstung auf LED-Leuchten bei Logistikimmobilien sowie Grünstrom-Einkauf gemacht worden. „Fiege kauft zum Beispiel in Deutschland nur noch Grünstrom ein“, berichtet Achternbusch. Zudem hat Fiege im Oktober den Commitment Letter der Science Based Targets Initiative (SBTi) unterzeichnet. Damit verpflichtet sich das Familienunternehmen dazu, seine ambitionierten Klimaziele einzuhalten und die CO2-Emissionen langfristig auf Netto-Null zu senken.

Im dritten Handlungsfeld „Partners“ geht der Bericht auf nachhaltige Beziehungen zu verschiedenen Stakeholder-Gruppen ein. Fiege sieht sich in der Verantwortung, den Mitarbeitern des Unternehmens eine „nachhaltige Führung“ zu bieten. Aber auch für die gesamte Logistikbranche sollen innovative Lösungen entwickelt werden. Seit September ist die KI-Expertin und Bestsellerautorin Kenza Ait Si Abbou Mitglied im Vorstand und sorgt dafür, dass neue Technologien auf die Agenda gesetzt werden. Das Unternehmen zählt zudem gesellschaftliches Engagement ausdrücklich zu seinen Nachhaltigkeitsaktivitäten und gründete zu diesem Zweck bereits vor 25 Jahren die Josef Fiege Stiftung, die soziale und nachhaltige Projekte fördert.

Risikomanagement inklusive

„Nachhaltigkeitsberichterstattung und die Vorbereitung auf künftige Gesetzgebungen decken heute einen großen Teil dessen ab, was in Unternehmen bisher Risikomanagement genannt wurde“, erklärt Achternbusch. Deshalb arbeite ihr Team auch eng mit der Risikomanagement-Abteilung Fieges zusammen.

Denn was kann passieren, wenn sich ein Unternehmen nicht mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzt? Es drohen vielfältige Unwägbarkeiten, beispielsweise gesetzliche Risiken, die zu Strafzahlungen führen können. Nachhaltigkeitsanforderungen können zudem Vertragsabschlüsse erschweren, wenn eine Partei auf bestimmte Standards besteht, welche die andere nicht erfüllen kann. Kunden oder Mitarbeiter zu verlieren, ist ebenfalls ein Risiko, das droht, wenn ein Unternehmen sich nicht ausreichend um seine Nachhaltigkeit – auch die soziale – kümmert.

Investieren statt kompensieren

Fiege möchte seine Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2021 halbieren. Dafür werde der Logistiker in Zukunft stärker auf Insetting setzten, sagt Achternbusch. „Investitionen, die dabei helfen, Emissionen zu reduzieren, sind für uns nachhaltiger als kurzfristige Kompensationen.“

Für die nächsten Jahre sieht sie kurzfristige Potenziale im Ausbau von Eigenstromanlagen (beispielsweise durch Photovoltaik-Anlagen auf Fiege-Dächern), noch mehr energiesparende LED-Beleuchtung an Standorten und der Umrüstung der Dienstwagenflotte: „Elektro-Dienstwagen könnten dann teilweise mit dem vor Ort gewonnenen Strom geladen werden.“

Aktuell in Planung ist bei Fiege darüber hinaus ein großes Ökologistik-Projekt, das ein im Betrieb klimapositives Logistikzentrum vorsieht. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft wird dort nicht nur auf die direkte CO2-Bilanz beim Betrieb der Immobilie geachtet, sondern auch auf Materialherkunft, Lebensdauer und Materialverwertung der Baustoffe. Diese sollen weitestgehend wiederverwendbar und möglichst CO2-arm hergestellt sein. Klimapositiv bedeutet, dass dort insgesamt mehr Energie gewonnen wird, beispielsweise durch Photovoltaik, als der Standort verbraucht und dass der übrige Strom weiterverteilt werden kann.

Ausblick

Auf die Frage, warum Fiege freiwillig einen solch detaillierten Bericht erstellt – ein aufwändiges Projekt, dass viele Ressourcen bindet – gibt Achternbusch eine klare Antwort: „In erster Linie wollen wir Transparenz für unsere Kunden, Partner und alle weiteren Stakeholder schaffen. Es ist aber auch eine gute Übung für uns, schon jetzt einen standardisierten Nachhaltigkeitsbericht zu verfassen, da dies in naher Zukunft ohnehin auf uns zukommt.“ Wichtig sei zudem die Wirkung im Unternehmen selbst: „Der Nachhaltigkeitsbericht zeigt uns, wie weit wir als Unternehmen sind – und er motiviert uns, unseren Weg konsequent weiterzugehen.“

In den kommenden Monaten soll das Reporting weiter optimiert werden. Für den Nachhaltigkeitsbericht für das Geschäftsjahr 2023 ist eine Bewertung durch EcoVadis, ein erneutes Ranking durch das Carbon Disclosure Project sowie die weitere Ausarbeitung des Corporate Carbon Footprint (CCF) über das Greenhouse Gas Protocol bei Fiege geplant. Die gesammelten Daten zum Thema Führungskompass sollen im nächsten Bericht ebenfalls dargestellt werden und somit weitere soziale Komponenten messbar machen.

Sandra Achternbusch ist jedenfalls gespannt, welche neuen Herausforderungen die Zeit bringen wird. Für sie ist Flexibilität ein wichtiger Faktor im Nachhaltigkeitsmanagement – und sie sagt mit einem Augenzwinkern: „In meinem Management-Studium wurde mir mal beigebracht, dass es meistens ein sehr klares Richtig und auch ein sehr klares Falsch gibt. Dann geht man in den Bereich Nachhaltigkeit und muss feststellen, dass sich ständig Informationen und Voraussetzungen ändern. Besonders im Scope-3 eröffnen sich häufig komplett neue Datenströme durch vor- und nachgelagerte Wertschöpfungsketten. Da muss man dann entsprechend mit umgehen können.“ Fest steht: Das Projekt Nachhaltigkeitsbericht wird in absehbarer Zeit wohl nicht kleiner.

Bildergalerie

  • Sandra Achternbusch leitet Fieges Abteilung für Nachhhaltigkeit, welche für das Unternehmen die Strategie und Berichtserstellung zum Thema Nachhaltigkeit verantwortet.

    Sandra Achternbusch leitet Fieges Abteilung für Nachhhaltigkeit, welche für das Unternehmen die Strategie und Berichtserstellung zum Thema Nachhaltigkeit verantwortet.

    Bild: Fiege

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