Start-ups haben es nicht immer leicht in der Schifffahrtsbranche. Friederike Hesse von Zero44 spricht im Interview über die Schwierigkeiten und über die Entwicklung ihres eigenen Start-ups.

Bild: Suphanat Khumsap/iSTock

In wildem Fahrwasser, aber von Rückenwind getrieben

01.12.2023

Das im Sommer 2022 gegründete Start-up Zero44 hat sich dem Ziel verschrieben, Schifffahrtsunternehmen bei der Planung und Optimierung ihrer CO2-Emissionen zu unterstützen. Im ersten Teil des Interviews mit Zero by DVZ spricht Mitgründerin Friederike Hesse über das schwierige Marktumfeld für junge Unternehmen in der Logistik und die Entwicklungen bei Zero44.

Zero by DVZ: Frau Hesse, in der Logistik und auch der maritimen Industrie ist die Lage für viele Start-ups aktuell angespannt. Sie haben im Mai 2022 gegründet. Wie blicken Sie auf die aktuelle Lage?

Friederike Hesse: Die Tech-Szene ist durch die veränderte Marktsituation unter Druck. Die Investoren sind viel risikobewusster als noch vor einigen Jahren. Das Fundraising ist also generell schwieriger geworden und das gilt natürlich auch für Investoren in der maritimen Industrie. Dort kommt außerdem hinzu, dass Schifffahrtsunternehmen häufig noch sehr traditionell unterwegs sind, und die berühmten sehr langen Vertriebszyklen der Schifffahrtskunden können ein Start-up zermürben. Ich finde, es gibt sehr viele smarte und coole Start-ups in der maritimen Wirtschaft, aber für kleinere Reedereien ist das häufig eine fremde Welt. Deswegen kann es für viele Start-ups durchaus sehr schwer werden, wenn man nicht gerade einen Investor hat, der sagt: Ich nehme dich noch ein bis zwei Jahre mit und dann wird das schon.

Wie sieht die Finanzierung von Zero44 aus?

Wir haben im Sommer und Herbst 2022 Geld von Angel-Investoren aus der Industrie eingesammelt und u. a. auch Innoport, den Corporate VC von Bernhard Schulte aus der Schulte Group, als Investor gewinnen können. Anfang dieses Jahres haben wir eine erste Equity-Runde durchgeführt, da ist Atlantic Labs als Lead Investor eingestiegen. So konnten wir bisher insgesamt 2,5 Millionen Euro Kapital einsammeln.

Warum war bei Ihnen das Fundraising erfolgreicher als bei anderen Start-ups in der maritimen Tech-Szene?

Ich glaube, wir haben den großen Vorteil, dass wir uns CO2- und Klimathemen angenommen haben, die durch Regulatorik gepusht werden. Das bedeutet, dass unsere Kunden digitalisieren müssen, weil sie sonst nicht überleben. Das hilft uns sehr stark beim Go-to-Market und überzeugt natürlich auch Investoren, die jetzt verstärkt in Klimathemen investieren wollen.

Was haben Sie mit dem Geld bis heute angestellt?

Wir haben und hatten mit Zero44 von Anfang an das Ziel, der Schifffahrt bei der Bewältigung von CO2-Regulatorik zu helfen. Zuerst haben wir uns auf den Carbon Intensity Indicator (CII) fokussiert, der im Januar 2023 in Kraft getreten ist. Wir haben damals MPC Container Ships als Partner an Bord geholt, um aus deren Business Case unsere Software zu entwickeln, und sind im Juli 2022 mit der ersten Iteration des CII-Produkts live gegangen. MPC hat sich dann im Herbst dazu entschieden, unsere SaaS-Software zu mieten, und die Reederei Roth, ein kleiner Bulkeigentümer, hat das auch getan. Parallel haben wir sehr eng verfolgt, was die Europäische Union mit dem Emissionshandelsgesetz (EU ETS) macht. Im Dezember 2022 wurde klar, dass es tatsächlich für die Schifffahrt kommt und es im Januar 2024 losgehen soll.

Über Friederike Hesse

Friederike Hesse ist Mitgründerin und Managing Director von zero44. Davor war sie u. a. COO bei Homeday, Geschäftsführerin bei der Dussmann Group und Referentin im deutschen Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Friederike Hesse hat Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen (Schweiz) studiert und hält außerdem einen Master of Public Business Administration der Harvard University (USA).

Welche Auswirkungen hat das für die Schifffahrt?

Das Emissionshandelsgesetz ist verglichen mit dem CII eine viel größere Herausforderung für die Unternehmen unserer Industrie, weil sich der Emissionshandel unmittelbar auf die operativen Kosten auswirkt und pro Schiff pro Jahr ungefähr eine Million Euro an Zusatzkosten bringen kann. Hinzukommt, dass die Umsetzung dieser Regulatorik sehr komplex ist: Es ist erforderlich, dass man am verpflichtenden Zertifikatehandel, teilnimmt, der an zwei Börsenplätzen stattfindet. Zudem braucht man ein spezielles Konto, das Unionsregisterkonto, auf dem man diese Zertifikate halten kann. Und drittens muss man sich mit seinen Vertragspartnern darauf einigen, wer eigentlich für was im Emissionshandel zuständig ist. Denn ein Schiff wird von einer Firma besessen, von der nächsten gechartert, von einer anderen gemanagt und von einer vierten gesubchartert und diese gesamte Vertragskette ist von ETS betroffen. Da müssen die Zuständigkeiten geklärt werden. Wir haben Ende 2022 gleich gesehen, dass hier Bedarf für eine Software mit deutlich größerem Umfang als bei unserem CII-Produkt besteht.

Wie entwickelt man eine Software mit derart komplexen Anforderungen?

Wir sind Anfang 2023 wieder auf die Suche nach Entwicklungspartnern gegangen. Neben MPC haben wir die Harren Group und Zeaborn Ship Management gewonnen. Alle drei Unternehmen sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Geschäftsmodelle auf verschiedene Weise von EU ETS betroffen. Wir haben unser neues Produkt anhand dieser drei Geschäftsmodelle entwickelt und über das ganze Jahr hinweg immer weiter aufgebaut und optimiert. In Summe konnten wir mittlerweile neun Testkunden gewinnen und in unsere Plattform onboarden. Ende September sind wir mit der ersten Iteration des Produkts live gegangen und befinden uns nun in der Go-to-Market-Phase. Das heißt, wir versuchen unsere Testkunden als zahlende Kunden zu gewinnen und sprechen gerade weltweit mit sehr vielen Schifffahrtsunternehmen, die nun gerade verstehen, dass EU ETS im Januar wirklich kommt und wie teuer das Ganze wird.

Dann kommen Sie jetzt in eine entscheidende Phase für Ihr Start-up. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung bis heute?

Ich bin sehr stolz auf das, was wir erreicht haben. Gleichzeitig gibt es immer wieder auch schlaflose Nächte, wenn ich sehe, was wir noch bis Anfang Januar schaffen wollen. Natürlich lastet auf uns großer Zeitdruck und wir müssen Kunden von unserem Produkt überzeugen.

Über zero44

Das 2022 in Berlin gegründete Unternehmen zero44 hilft Reedereien, Schiffsmanagern und Charterern dabei, ihre CO2-Emissionen zu planen und zu optimieren. Schifffahrtsunternehmen erhalten mithilfe der digitalen Lösung einen umfassenden und tagesaktuellen Überblick über ihre CO2-Emissionen und können erfassen, welche kommerziellen Auswirkungen bestimmte Entscheidungen ihrer Schiffseinsatzplanung haben, und ihre Prozesse daraufhin optimieren.

Sie und Ihr Mitgründer Nils Obermann sind letztes Jahr mit vier Entwicklern gestartet: Wie groß ist das Zero44-Team heute?

Im nächsten Monat kommen noch zwei weitere Mitarbeiter hinzu: Dann sind wir insgesamt 16 Köpfe. Gut die Hälfte unserer Mitarbeiter kümmert sich um das Produkt, diesen Bereich wollen wir auch noch weiter ausbauen. Die andere Hälfte sind Business-Development-, Sales- und Customer-Success-Positionen, um unsere Kunden, gerade auch im Hinblick auf ETS, bestmöglich zu unterstützen. Unser neuer Sales Director sitzt in Singapur, damit wir auch im asiatischen Markt ein Standbein haben.

Gibt es weitere Wachstumspläne?

Für das Entwicklerteam brauchen wir noch ein paar neue Mitarbeiter, aber es darf auch nicht unendlich wachsen. Es müssen sich alle noch kennen und gemeinsam an einer Sache arbeiten können. Customer Success und auch Backoffice Service müssen mit der Anzahl der Kunden wachsen, aber auch nicht allzu enorm. Ich möchte mich da nicht festlegen, aber ich denke an etwa zehn bis 15 weitere neue Mitarbeiter in 2024.

Bewegen Sie sich aktuell maritim gesagt in relativ ruhigem Fahrwasser?

Es ist immer die Frage, wie man ruhig definiert. Ich würde nicht sagen, dass wir uns gerade in ruhigem Fahrwasser befinden. Wir sind in wildem Fahrwasser, aber von Rückenwind getrieben. Es ist sehr viel los, weil wir sehr viel gleichzeitig bauen müssen und viele Kundenanfragen haben. Dadurch geht es momentan sehr hektisch zu, aber es ist positiv hektisch. Es fühlt sich toll an, dass so viel Interesse an unseren Produkten besteht. Es gibt, wie gesagt, so viele gute Start-ups, die nicht in dieses wilde Fahrwasser kommen und denen es deshalb gar nicht gut geht. Deswegen sind wir sehr froh, dass es bei uns anders ist.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Friederike Hesse noch mehr über den europäischen Emissionshandel und die möglichen Auswirkungen auf die Schifffahrtsunternehmen sowie die globalen Schiffsrouten. Weiterhin verrät sie, wie ihr Start-up Zero44 bei den Transformationsherausforderungen Hilfestellung leisten kann.

Bildergalerie

  • Friederike Hesse hat Zero44 zusammen mit Nils Obermann Anfang 2022 gegründet. Im Interview spricht sie darüber, wie sich ihr Start-up seit der Gründung entwickelt hat.

    Friederike Hesse hat Zero44 zusammen mit Nils Obermann Anfang 2022 gegründet. Im Interview spricht sie darüber, wie sich ihr Start-up seit der Gründung entwickelt hat.

    Bild: zero44

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